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Wie viel Kunstsinn braucht die Architektur, Jessica Borchardt?
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Jessica Borchardt vermittelt ihren Kunden nicht nur Architektur, sondern möglichst auch Kunst. Ihre Bandbreite reicht von Alstervillen über Gewerbebauten bis hin zur neuen Unternehmenszentrale für einen Discounter. Die Hamburger Architektin über Aldi als Auftraggeber, Kunst am Bau und die Unzerstörbarkeit der Firmenzentrale.
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Offenes Forum für ein traditionell verschlossenes Unternehmen: Der 2022 eröffnete Aldi Nord Campus in Essen von BAID Architekten
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Frau Borchardt, mit dem neuen Aldi Nord Campus in Essen bauen Sie gerade ein nachhaltiges Gebäudeensemble für ein Unternehmen, das man gemeinhin kaum mit Nachhaltigkeit assoziiert.
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Stimmt, aber das ist ein Klischee. Bei Aldi werden alle Produkte auf Herz und Nieren geprüft, schließlich gäbe es für die Konkurrenz nichts Schöneres als einen Produktrückruf des Discounters. Nur redet der Konzern traditionell nicht darüber. Insofern bedeutet unser Campus eine echte Wendung, denn das Gebäudeensemble ist auf maximale Transparenz und Begegnungsdichte ausgelegt. Sein Herz bildet eine Plaza, die Konferenzbereiche und Büros erschließt und Einblicke in Testküchen und Büros eröffnet. Zum Campus gehören außerdem ein Café & Deli, Hörsaal, Sportpavillon, Restaurant und Kindertagesstätte. Ein Unternehmen wie Aldi Nord muss sich öffnen, wenn es auch künftig die besten Mitarbeiter für sich gewinnen will.
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Den Auftrag für diesen 112.000 Quadratmer-Campus hat ihr 30 Mitarbeiter-Büro gegen renommierte Großbüros wie Henn und HPP Architekten gewonnen. Wie haben Sie das geschafft?
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Wir haben ehrlicherweise nicht geglaubt, dass wir als kleine Architekturmanufaktur eine Chance gegen die Etablierten haben würden. Und weil das so war, haben wir beim Entwerfen überhaupt nicht darüber gesprochen, was wir glauben, dass Aldi von uns erwarten würde – sondern ausschließlich darüber, was wir glauben, dass Aldi jetzt brauchen würde. Die unmittelbare Folge davon war, dass uns der Planungsprozess irre Spaß gemacht hat. Resultat Nr. 2: Wir haben gewonnen.
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Kommunikatives Herz der Unternehmenszentrale: Plaza im Aldi Nord Campus
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Noch vor der Pandemie haben Sie auch die Firmenzentralen für ista, DB Schenker und innogy SE geplant. Hat sich das Konzept des analogen Unternehmenssitzes heute nicht eigentlich überlebt?
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Überhaupt nicht. Das Homeoffice wird ja vor allem von Controllern gefeiert, weil sich mit ihm Büroflächen und -kosten einsparen lassen. Was dabei aber verloren geht, sind Kommunikation und Wissensaustausch zwischen Mitarbeitern und damit etwas Unersetzliches. Wie soll jemand, der neu in die Firma kommt, den Geist von Unternehmen und Team lernen, wenn er zu Hause vor dem Bildschirm sitzt? Wie will man der Vereinsamung am Arbeitsplatz und den enormen Kommunikationsproblemen vorbeugen? Der IT- und Beratungskonzern IBM hat all das erlebt und daher bereits 2018 alle seine Mitarbeiter vom Homeoffice zurück ins Büro geholt. Momentan sieht es leider so aus, als würden viele Unternehmen den Fehler von IBM wiederholen.
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Ausgezeichnet mit dem DGNB Gold Zertifikat: Die Firmenzentrale des Energiedienstleisters ista
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Ihre eigene kleine Firmenzentrale ist in einem Hamburger Altbau zu Hause, dessen Erdgeschoss Sie sich mit der Galerie Ihres Mannes teilen. Die Galerie Peter Borchardt will Kunstschaffende, Architektinnen und Bauherren zusammenbringen – ein Konzept, das ein bisschen in Vergessenheit geraten ist...
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Das stimmt leider, dabei war Hamburg in den Zwanziger Jahren eine Hochburg der Kunst am Bau. Hamburgs damaliger Oberbaudirektor Fritz Schumacher sorgte dafür, dass vom Kindergarten bis zur Wohnsiedlung sämtliche öffentlichen Bauten mit Kunstwerken versehen wurden. Heute gilt diese Auflage nur noch für die Bauten des Bundes. Ich finde das sehr schade.
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Womit überzeugen Sie Bauherren, nach einem meist kostenintensiven Bauprozess auch noch Geld für Kunst in die Hand zu nehmen?
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Der ista beispielsweise habe ich vorgerechnet, dass konventionelle Strahler und Kunst in ihrem Foyer sie gar nicht teurer kommen als aufwändige Beleuchtung. Und unsere Klienten geraten, da sich bei uns Galerie und Architekturbüro die Räumlichkeiten teilen, bei jedem Besuch automatisch mit Kunst und Architektur in Kontakt. Auf diese Weise sind schon manche Sammler meines Mannes zu Bauherren und Bauherren zu Sammlern geworden. Aber generell kann und sollte man niemanden zu Kunst drängen, der nicht von sich aus den Mehrwert für Mitarbeiter und Miteinander zu schätzen weiß.
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Ebenfalls ein BAID-Entwurf: Arbeitsplatzleuchte „Skena“ für Zumtobel
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Was sind das für Menschen, die neben Klinker und Quadratmeter auch noch in Kunst investieren?
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Häufig sind es kunstsinnige Mittelständler. Hier in Hamburg gibt es den Unternehmer einer chemischen Fabrik, der seine Besucher gern persönlich im Foyer abholt, um sie in sein Büro zu führen und unterwegs über die Kunst zu sprechen, die im Unternehmenssitz ausgestellt ist. Im Büro angekommen, weiß er dann meist schon, mit welcher Art von Persönlichkeit er es zu tun hat.
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Sie wollten eigentlich selbst Künstlerin werden. Warum sind Sie’s nicht geworden?
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Weil ich glaubte, für eine Künstlerin nicht verrückt genug zu sein.
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Stattdessen haben Sie eine Tischlerlehre absolviert. Geschah das schon mit Blick auf Architektur?
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Ja. Ich dachte, ein Lehrberuf vor dem Studium wäre gut. Heute würde ich sagen: Ein Praktikum hätte auch gereicht.
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Wann haben Sie das letzte Mal gemerkt, dass Frauen es in Architektur und Baubusiness schwerer haben?
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Noch nie. Vermutlich habe ich den einen oder anderen Auftrag nicht bekommen, weil ich eine Frau bin – umgekehrt habe ich aber sicher auch welche gewonnen, gerade weil ich es bin. Und gmp Architekten, meine erste Arbeitsstation nach dem Studium, war damals ja ein reiner Männerladen. Dennoch wurde mir als Anfängerin und Frau gleich im ersten Jahr die Leitung eines Großprojekts und später des Shanghaier Büros angeboten. Fairerweise muss ich sagen: Als Mutter hätte ich die Chance nicht bekommen, denn in dieser Position wurde totaler Einsatz erwartet.
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Für gmp Architekten haben Sie in China das Großprojekt Lingang City geleitet, einer Retortenstadt für 800.000 Menschen vor den Toren Shanghais. Kommt einem nach einem solchen Projekt nicht zwangsläufig alles andere klein vor?
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Nein. Ich habe genausoviel Freude an einem Städtebauprojekt wie an einem Unternehmenscampus oder dem Entwurf für eine Arbeitsplatzleuchte, schließlich folgt all das denselben Gestaltungsprinzipien – wenngleich zugegebenermaßen bei größeren Projekten ein paar andere Dinge zu bedenken sind.
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Der Bau von Lingang, das 2012 in Nanhui umbenannt wurde, begann vor knapp 20 Jahren. Wie ist heute der Stand der Dinge?
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Über den aktuellen Status bin ich nicht mehr informiert. Ich weiß nur, wie beeindruckt ich von der Geschwindigkeit war, mit der unsere Planungen umgesetzt werden, auch wenn die Bauausführenden vieles ganz anders machten, als wir es uns vorgestellt hatten. Knapp zwei Jahre nachdem ich das Projekt verlassen und bereits mein zweites Kind bekommen hatte, reiste ich mit Kleinkind und Baby noch einmal nach Lingang. Noch standen keine Häuser, aber Straßenzüge, Bahnlinien und Plätze – alles, was ich erst Monate zuvor gezeichnet hatte, war bereits gebaut. Und das auf einer Fläche, wo vor noch gar nicht langer Zeit das Meer gewesen war.
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Neues Zuhause für 800.000 Menschen: Satellitenstadt Linggang von gmp Architekten
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Ein paar fixe persönliche Fragen zum Schluss, die wir grundsätzlich allen Interviewpartnern und -partnerinnen stellen. Bitte spontan und ohne viel Nachdenken beantworten. Los geht’s!
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Das wollte ich als Kind werden:
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Der beste Rat meiner Eltern lautete:
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Ich bin bei meinem Vater aufgewachsen. Sein Rat lautete: Du musst groß und stark werden.
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Jemand, von dem ich enorm viel gelernt habe:
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Mein verkanntestes Talent:
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Ich habe keines, ich kann nur gestalten.
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Etwas, mit dem ich auch meinen Unterhalt verdienen könnte, sollte es als Architekt nicht mehr klappen:
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Siehe oben. Ich würde wohl verhungern.
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Eine Idee, die ich eines Tages definitiv noch umsetzen werde:
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Einen preiswerten modularen Wohnbau entwerfen.
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Der für Sie als Architektin aktuell inspirierendste instagram- oder LinkedIn Account?
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Auf LinkedIn bin ich gar nicht, auf instagram fällt mir keiner ein.
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Mein guter Rat an jeden, der/die es als Architekt zu etwas bringen will:
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Sei angstfrei. Angst ist in unserem Beruf grundsätzlich hinderlich.
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Jessica Borchardt
Die Hamburger Architektin Jessica Borchardt arbeitete nach ihrem Studium in Braunschweig vier Jahre lang im Büro gmp Architekten, bevor sie 2005 in Hamburg ihr eigenes Büro BAID (Borchardt / Architektur / Interior / Design) gründete. Das 30-köpfige Team aus Architekten, Interior- und Produktdesignern folgt einem ganzheitlichen Ansatz, indem es bei der Planung alle Aspekte des Projekts im Blick behält. Momentan arbeiten BAID Architekten an unterschiedlichen Wohn- und Gewerbebauten, von denen viele eines gemeinsam haben: Ihr wichtigster Baustoff ist Holz.
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„Pinecone“ Holzwohnhaus auf einem Hamburger Bunker (Entwurf)
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Text:
Harald Willenbrock
Fotos:
Portrait Jessica Borchardt © Fotografin: Heike Kölbl, www.headshot.eu | Aldi Nord Campus/Plaza; Fotograf © Martin Haag, www.hafencitystudios.com | Firmenzentrale ISTA © Fotograf: Ulrich Deimel, www.deimel-wittmar.de | Lampe Skena Zumtobel © BAID | Linggang – gmp © Heiner Leiska, www.leiska.de | Pinecone – Entwurf: © BAID
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Spannende Einblicke:
Inspirierende Projekte und Lösungen in Anwendung.
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Alles für Ihr Projekt. Alles außer gewöhnlich. Alles aus einer Hand. hager.de/arc
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