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Wie plant man mit Baugruppen, ohne sich zu verlieren,
Johanna Meyer-Grohbrügge?
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Echte Nerven brauchen Architektinnen und Architekten, die mit Baugruppen etwas auf die Beine stellen wollen. Dass dabei aber auch Außergewöhnliches entstehen kann, beweist das außergewöhnliche Projekt von Johanna Meyer-Grohbrügge im Berliner Nollendorfkiez. Die kunstsinnige Architektin praktiziert dort was Grundlegendes, was sie während ihrer Jahre bei SANAA gelernt hat: Offenheit.
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Kongeniales Konglomerat: Beim Baugruppenprojekt Kurfürstenstraße verschachtelte Meyer-Grohbrügge sechs Baukörper
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Sie haben vor Jahren in der Berliner Kurfürstenstraße ein Grundstück entdeckt und mit einer Baugruppe entwickelt und beplant. Können Sie die Doppelrolle Architektin plus Projektentwicklerin zur Nachahmung empfehlen?
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„Projektentwicklerin“ ist ein viel zu großes Wort für etwas, das rein zufällig entstanden ist. Mein Partner Sam Chermayeff und ich saßen damals in Berlin und warteten auf Aufträge. Da wir viele Freunde und Bekannte hatten, die Wohnungen suchten, haben wir uns auf die Suche nach einem Grundstück gemacht, das wir selbst bebauen konnten. Wir haben uns also auch unsere Bauherren selbst gesucht und sind da einfach naiv reingestolpert.
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… und haben tatsächlich mitten im Nollendorfkiez ein unbebautes Baugrundstück gefunden. Heute undenkbar!
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Die Zeiten sind leider endgültig vorbei, der Druck auf den Berliner Immobilienmarkt ist viel zu hoch. Damals stellte sich bald heraus, dass ein Teil des Grundstücks einer zerstrittenen Erbengemeinschaft, ein anderer Abschnitt einem angolanischen Autohändler gehörte, der eines Tages mit einem Geldköfferchen bei uns auftauchte und den Deal gleich abschließen wollte. Es war abenteuerlich. Auch bei der Baugruppe stiegen immer wieder Leute ein und wieder aus, das Kaufkapital lag erst Stunden vor dem Notartermin vollständig bei uns auf dem Konto. Aber es ist eine tolle Gruppe von Bewohnerinnen und Bewohnern entstanden. Durch dieses Projekt habe ich enorm viele Menschen in Berlin kennengelernt.
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Opulente Offenheit: Die Einheiten in der Kurfürstenstraße sind so angelegt, dass sich Wohnraum hinzuschalten oder abgeben lässt
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Wie ist der aktuelle Stand in der Kurfürstenstraße?
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Das Haus ist fertig, die Bewohnerinnen und Bewohner der 22 Einheiten sind eingezogen, und es ist spannend zu sehen, wie sie mit unserem Gebäude umgehen. Ich kriege das alles hautnah mit, weil ich selbst eine halbe Einheit im Haus besitze und Mitglied der diversen Chatgruppen bin.
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Was sind im Rückblick die wichtigsten Lehren, die Sie als Architektin beim nächsten Baugruppenprojekt beherzigen würden?
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Ich würde in jedem Fall das Projektmanagement und die Planung trennen. Es braucht eine neutrale Person, die den Prozess professionell vorantreibt, ohne der Gruppendynamik oder der Planung emotional verbunden zu sein. Mein zweites Learning: Nicht alles von allen diskutieren und entscheiden zu lassen. Im nächsten Baugruppen-Projekt würde ich wieder viel mit Optionen arbeiten, aber den Prozess der Entscheidungsfindung straffen. Auch dafür sorgt ein gutes Projektmanagement.
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Doppelte Natur: Für das Ling Long in Beijing entwarf die Architektin das Interior-Konzept inclusive des Mobiliars. Tagsüber dient das Restaurant als Blumenstudio
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Auch architektonisch ist das Projekt Kurfürstenstraße etwas Besonderes: Sie haben die sechs Gebäudekörper sowohl horizontal als auch vertikal überlappend angelegt und räumliche Schnittmengen geschaffen, durch die sich die 20 Wohneinheiten je nach Bedarf neu kombinieren, miteinander teilen, erweitern und verkleinern lassen.
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Wir wollten die übliche strikte Trennung zwischen Wohneinheiten aufheben. Deshalb haben wir alle Wohnungswände als nicht-tragende Leichtbauwände ausgeführt, in die man Türen oder Fenster einsetzen, sie durch Schiebewände ersetzen oder ganz entfernen lassen kann, wenn man Quadratmeter einer anderen Einheit zuordnen oder der Gemeinschaft zur Verfügung stellen will. Wenn beispielsweise ein Familienmitglied weg- oder hinzuzieht, jemand für ein Jahr im Ausland arbeitet oder sich der Raumbedarf aus anderen Gründen verändert: in all diesen Fällen kann der Wohnraum schrumpfen oder wachsen.
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Wie funktioniert denn solches Quadratmeter-Sharing ganz praktisch? Dabei wechselt ja immer ein Stück Wohneigentum den Besitzer oder die Eigentümerin.
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Das funktioniert bislang nur im Rahmen privater Vereinbarungen. Offiziell wäre das nur möglich, wenn wir eine Genossenschaft als Trägerin des Projekts gegründet hätten. Auch wegen der Hypotheken haben wir aber in der Kurfürstenstraße 22 Einzeleigentümerinnen und -eigentümer, die genaugenommen jedes Mal zum Notar gehen müssten, wenn sie ganz offiziell Quadratmeter abtreten oder hinzunehmen wollten. Deutschland ist nun einmal kein Land der weichen Lösungen. Das wäre mal ein spannendes Forschungsthema: welche legalen Konstrukte gibt es, um trotz Eigentümerstruktur einen flexiblen Tausch von Wohnflächen zu ermöglichen?
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Baulicher Minimalismus: Das ehemalige tschechische Kulturinstitut baute Johanna Meyer-Grohbrügge in der Rekordzeit von nur vier Wochen zur Berliner Dependance der Julia Stoschek-Collection um. Wichtigstes Gestaltungselement sind Vorhänge, die die Ausstellungsflächen separieren
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Einer ihrer anderen Arbeitsschwerpunkte ist die Arbeit für Museen, Galerien und Kunstsammler. Ist das ein Zufall oder Absicht?
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Gerade im Kunstbereich beziehen sich viele Projekte aufeinander, da wird man quasi weitergereicht. Nach meiner ersten Ausstellungsarchitektur für die Kunstmesse art berlin contemporary 2015 hat mich Julia Stoschek mit der Planung ihrer Kollektionsräume beauftragt, darauf folgten viele weitere Projekte. Auch wenn ich nicht ausschließlich für Kunst-Auftraggeber arbeiten wollen würde, freue ich mich, dass unter meinen Projekten eigentlich immer mindestens eines aus dem Kunstbereich ist.
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Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie fünf Jahre bei SANAA in Tokio gearbeitet. Wie und wodurch sind Sie zu den Pritzker-Preisträgern gekommen?
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Nach meinem Diplom 2005 begegnete ich Sanaas Entwürfen für das Rolex Learning Center in Lausanne und war sofort fasziniert. Auf den Plänen hat man eigentlich gar nichts gesehen, es war der komplette Gegensatz zur Schweizer Architektur und mehr Versprechen denn Entwurf! Auf meine Bewerbung wurde ich zu einem Praktikum eingeladen, flog mit einem Koffer nach Tokio und hatte überhaupt keine Ahnung, dass aus meinem Praktikum mehrere Jahre werden würden.
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Urbaner Garten: Auf einem Dach einer ehemaligen Textilmaschinenfabrik in Chemnitz ließ Meyer-Grohbrügge einen Park wachsen. Seine Anlage folgt den Strukturen des Gebäudes mit Bäumen, die auf den tragenden Säulen positioniert wurden
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Was lernt man bei SANAA, das sich nirgendwo sonst lernen lässt?
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Offenheit. An der ETH hatte ich gelernt, dass es eine bestimmte und vermeintlich richtige Art gibt, architektonische Probleme zu lösen. Bei SANAA hingegen sah ich, dass man die Dinge auch ganz anders angehen kann. Das ganze SANAA-Büro funktioniert ohne Strukturen und ähnelt eher einem Flow denn einer starren Organisation. Eines der SANAA-Grundprinzipien lautet, die Offenheit für die bessere Lösung so lange wie möglich offenzuhalten. Zu Anfang war das sehr verwirrend für mich. Ich kam aus Besprechungen und fragte mich, was denn nun eigentlich beschlossen worden war. Es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, dass eben noch nichts entschieden war. Für mich war das ein enorm wertvolles Aha-Erlebnis.
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Neue Nutzung: Zusammen mit Sebastian Behmann baute Meyer-Grohbrügge einen leerstehenden DDR-Supermarkt zu einem offenen Ferienhaus um
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Ein paar fixe Fragen zum Schluss – bitte spontan und ohne viel Nachdenken beantworten. Los geht’s!
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Das wollte ich als Kind werden:
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Der beste Rat meiner Eltern:
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Kümmere Dich nicht darum, was andere über Dich denken!
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Jemand, von dem ich enorm viel gelernt habe:
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Kazuyo Sejima and Ryue Nishizawa.
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Mein verkanntestes Talent:
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Im „Vier gewinnt“ bin ich unschlagbar.
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Etwas, mit dem ich auch meinen Unterhalt verdienen könnte, sollte es als Architekt nicht mehr klappen:
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Eine Idee, die ich eines Tages definitiv noch umsetzen werde:
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Laputa, die Stadt in den Wolken aus dem Film „Das Schloss im Himmel“ nachbauen. Das habe ich meinen Kindern versprochen.
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Ein inspirierender instagram- oder LinkedIn-Account:
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Mein eigener natürlich :-)
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Mein guter Rat an jemanden, der/die es als Architekt zu etwas bringen will:
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Immer schön geschmeidig bleiben.
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JOHANNA MEYER-GROHBRÜGGE
arbeitete nach ihrem Studium an der BTU Cottbus und der ETH Zürich fünf Jahre
bei SANAA/ Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa in Tokio. 2010 gründete sie mit Sam
Chermayeff in Berlin das Büro June 14 Meyer-Grohbrügge & Chermayeff und fünf Jahre später das Büro Meyer-Grohbrügge. Seit 2021 ist sie Professorin für Entwurf und Raumgestaltung an der TU Darmstadt. Viele von Meyer-Grohbrügges Projekten bewegen sich an der Schnittstelle von Kunst und Architektur. Dazu gehört die Ausstellungsarchitektur für die 11. Berlin Biennale 2020 wie auch der vielbeachtete Umbau des ehemaligen tschechischen Kulturinstituts zur Berliner Dependance der Julia Stoschek Collection.
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Text:
Harald Willenbrock
Fotos:
Titel/Porträt Johanna Meyer-Grohbrügge © Thomas Meyer | Bilder Baugruppenprojekt Kurfürstenstrasse elevated view © Laurian Ghinitoiu I Baugruppenprojekt Kurfürstenstrasse innen @ Laurian Ghinitoiu I Ling Long, Peking @ Büro Meyer-Grohbrügge I Julia Stoschek-Collection, Berlin @ Jan Bitter I Urbaner Garten, Chemnitz @ Johannes Richter I Ferienhaus @ Büro Meyer-Grohbrügge
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Spannende Einblicke:
Inspirierende Projekte und Lösungen in Anwendung.
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Ideen tanken
Lassen Sie sich inspirieren! Mit unseren out of the box-Stories für Architekten bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
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Fragen? Ideen? Projekte?
Wir freuen uns, von Ihnen zu hören.
Stefanie Wahl,
Hager Architektenkommunikation
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Alles für Ihr Projekt. Alles außer gewöhnlich. Alles aus einer Hand. hager.de/arc
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Anmerkung: Zur besseren Lesbarkeit wird in diesem Newsletter das generische Maskulin verwendet. Eine Benachteiligung i. S. v. § 1 AGG, gleich welcher Art, ist damit nicht intendiert.
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